Bach-Museum
Klangraum und Forschungslabor: Leipziger strömen zuhauf und sind begeistert
Mathias Orbeck
Die Leipziger lieben Bach: Exakt 2738 Gäste sind am Sonnabend zum Publikumstag ins Bosehaus gekommen, um sich im Bach-Archiv sowie dem erweiterten und modernisierten Bach-Museum umzuschauen. Gestern wurde am Thomaskirchhof der 325. Geburtstag des berühmtesten aller Thomaskantoren mit dem Anschnitt einer Torte sowie einem Festkonzert gefeiert. Auch am Nachmittag strömten interessierte Gäste ins Museum.
Wenn der alte Bach eine Zeitreise machen könnte ... Er würde sich wohl wundern, dass die Stadtoberen nahezu enthusiastisch ein rotes Band durchschneiden, um ihn zu ehren. Denn zu Lebzeiten gab es oft Streit. „Und er würde sich freuen, dass die Thomaner nach wie vor sein Werk pflegen", betonte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der die Leipziger am Sonnabend im historischen Bosehaus willkommen hieß.
Wie berichtet, wurde das Gebäude am Thomaskirchhof in den letzten beiden Jahren für gut sieben Millionen Euro umgebaut. Dach und Fassade wurden saniert, die Funktionalität verbessert, die nutzbare Fläche auf etwa 3000 Quadratmeter erweitert. Leben und Werk Bachs können nun in einer völlig neu gestalteten Ausstellung präsentiert werden. Die voll klimatisierten Räumlichkeiten ermöglichen es, in der „Schatzkammer" empfindliche Originale aus der Feder des Komponisten auszustellen. „Wir zeigen Objekte, die wurden 200 Jahre nicht mehr benutzt. Selbst die Thomaner haben sie nicht gesehen", erläuterte Christoph Wolff, der Direktor des Bach-Archivs. Geplant sei künftig, die gezeigten Originale mit Aufführungen in der Thomaskirche zu koordinieren. Wie produktiv der Thomaskantor war, wird auch an der Sonderschau deutlich: „Meisterwerke im Wochentakt" ist diese überschrieben. Sie zeigt Bachs Anfangsjahre nach seiner Ankunft 1723, in der Kantaten, aber auch eindrucksvolle Passionen und lateinische Kirchenstücke entstanden sind.
Die Musik, oft auch mit spielerischen Facetten für ein junges Publikum, steht ohnehin im Vordergrund. Schon wer die Treppe hochkommt, kann Musik hören, wie Bach sie in seiner Familie selbst erlebt hat. An raumhohen Metallrohren, die durch Berühren Orgelmusik von sich geben, darf gelauscht werden. An Hörstationen wird ein Eindruck seiner musikalischen Entwicklung möglich. Im Klangraum erklingen barocke Instrumente wie Oboe, Zink oder Fagott, die per Knopfdruck lauter aus dem Choral hervorklingen. „Das hat mir besonders gut gefallen", sagte Thorsten Winkler aus Schönefeld, der selbst Geige spielt.
Der Besucher kann sich mit der Barockzeit in Leipzig ebenso wie mit dem Bach'schen Privatleben beschäftigen, in dem es gelegentlich turbulent zuging. 20 Kinder brachten die beiden Frauen Bachs zur Welt, wobei allerdings nur zehn das Kindesalter überlebten. Und nicht alle machten dem Komponisten nur Freude. Johann Gottfried Bernhard, der dritte Sohn mit seiner ersten Frau Maria Barbara, trat beispielsweise als Thomasschüler und begabter Musiker zunächst offenbar in die Fußstapfen des Vaters. Dann aber machte er Schulden und verließ die Stadt Hals über Kopf. Die Gläubiger klingelten beim Thomaskantor, dessen aufgebrachte Briefe zu sehen sind. Die Besucher lernen ihn aber auch als strengen Lehrer kennen. Besonders eindrucksvoll ist das Forschungslabor, in der Interessierte Einblick in die Arbeit des Bach-Archivs bekommen. Wissenschaftler holen auf ihrer „Expedition Bach" in 400 Städten Mitteldeutschlands sowie bei anderen Projekten noch immer Unerforschtes ans Licht. So erfahren Besucher, welche Auskünfte Tinte, handgeschöpftes Papier oder Wasserzeichen über die Datierung eines Werkes geben können.
Gästeführer Michael Schaaf: „Die Präsentation ist hervorragend, spricht Erwachsene und Kinder gleichermaßen an." Das hört Museumsleiterin Kerstin Wiese gern. „Ich habe viele begeisterte Stimmen gehört. Und bin selbst begeistert, dass die Leipziger ihren Bach schätzen, lieben und vor allem auch gut kennen", resümierte sie gestern.
Vor dem Umbau sind 30000 Besucher in die Ausstellung gekommen. „Nun hoffen wir auf 40000 bis 50000 Besucher pro Jahr", sagte Dettloff Schwerdtfeger, der Geschäftsführer des Bach-Archivs. Ein Vorhaben ist übrigens noch nicht fertig: ein barocker Garten in der Außenanlage.
© LVZ-Online, 24.03.2010, 14:21 Uhr