Wyhra. Ein kleines Geißlein würde tatsächlich in einen Uhrkasten passen, im Märchen von Rumpelstilzchen wird dagegen ganz offensichtlich geflunkert. Dies und vieles mehr erfuhren etwa 100 Entdeckertouristen, als die Ferienaktion dieser Zeitung gestern in den Kreis Leipzig führte. Im Volkskundemuseum Wyhra hatte dessen Chef Hans-Jürgen Ketzer eine Premiere und die siebenjährige Paula aus dem westfälischen Höveln eine pädagogisch wertvolle Erkenntnis.
Auf dem einstigen Bauernhof erfuhren die Gäste, wie Landwirte vor 150 Jahren lebten. Der Rundgang führte durch niedrige Stuben und über knarrende Holzstufen, vorbei am Backofen und in die urig wirkende Wohnküche. „Das ist imposant. Ich kenne vieles noch von meinen Großeltern, aber dass man so etwas heute noch in dieser Form zu sehen bekommt, hat mich überrascht", staunte der 68-jährige Hermann Zucher aus Markranstädt.
Der Heimatverein Bornaer Land führt heute auf dem uralten Hof im kleinen Wyhra an der sächsisch-thüringischen Grenze Regie. Museumsleiter Ketzer hatte sich für seine Führungen durch Wohnhaus, Stall und Scheune eine besonders für Kinder anschauliche Form einfallen lassen. „Das traditionelle Leben der Bauern findet sich in den meisten Märchen wieder. Wir haben hier das Anschauungsmaterial für viele Requisiten aus den Geschichten. Da war irgendwann die Idee geboren, für Kinder die Führung durch das Haus mit einer Reihe von Märchen zu verbinden", erklärte der Hausherr die Idee, die er gestern zum ersten Mal umsetzte. Mit Erfolg. Die Kinder, die zumeist mit den Großeltern nach Wyhra gekommen waren, bekamen jedenfalls einen Eindruck, wie der Ofen der Hexe ausgesehen haben könnte, in dem sie nach Gretels Beihilfe geschmort haben soll. Oder wo das Stroh lagerte, das Rumpelstilzchen angeblich zu Gold spann. „Die Geschichte braucht ihr allerdings nicht ganz zu glauben. Mit dem Gold, das wird nix." Aus Pflanzenfasern aber ließe sich durchaus ein Faden spinnen, erzählte Ketzer und führte an Flachsbreche und Hechel vor, wie es in dem Märchen von den drei Spinnerinnen zugeht.
„Das hat Spaß gemacht. Irgendwie war alles interessant, ich kann gar nicht sagen, was mir am besten gefallen hat", erklärte die zwölfjährige Laura George aus Leipzig, die Ferien bei Oma und Opa in Grimma macht und von der Entdeckertour aus der Zeitung erfuhr, wie Opa Peter Dommel berichtete. Der erinnerte sich noch, wie seine Großeltern selbst Butter drehten. „Es ist schön, das heute noch unseren Enkeln zeigen zu können", freute sich der 69-Jährige.
Testen konnten die Gäste auch die Waschmaschine der Vorzeit. Und der Opa von Ferienkind Paula hatte seinen Spaß, als die Siebenjährige Stein und Bein schwor, dass ihr „das Waschen mit dem Brett" am meisten Spaß gemacht habe. „Wir sind froh, wenn sie sich freiwillig selbst wäscht", scherzte Bernd Grimmer (67) aus Lucka.