Wer wissen will, wie das siebte Geislein im Uhrkasten verschwinden konnte, ist am Dienstag bei der Entdeckertour im Volkskundemuseum Wyhra richtig. Außerdem können Besucher erfahren, wie es vor rund 100 Jahren zum Beispiel beim Wäschewaschen zuging.
Die Türen sind niedrig, die Räume karg eingerichtet. Einst lebten hier drei Generationen einer Bauernfamilie unter einem Dach zusammen. „Das was damals so üblich", sagt Museumschef Hans Ketzer. Im Volkskundemuseum in Wyhra südlich von Borna lässt sich das bäuerliche Leben um das Jahr 1900 herum nachvollziehen. Die Besucher können die Räume nicht nur durchschreiten, sondern dürfen die Ausstellungsgegenstände berühren. Oder sich einmal hinsetzen. Vielleicht auf den Sessel oder das Kanapee in der guten Stube, in der sich die Familie anno dazumal an Fest- und Feiertagen versammelte.
Im Schlafzimmer finden sich Wärmflaschen, zu sehen sind die spartanischen Kammern der Knechte und natürlich die Küche mit riesigem Herd. Nicht zu vergessen die Speisekammer samt Mausefalle. Überhaupt spielt das Essen eine wichtige Rolle. Fleisch, so erläutert Historiker Ketzer, wurde seinerzeit eingepökelt, Gemüse sauer eingelegt und Obst eingekocht. Wenn dann die Winterzeit zu Ende ging, dürfte manchem das Pökelfleisch zum Halse herausgehangen haben. Und das Brot, alle 14 Tage gebacken, war nach anderthalb Wochen auch nur noch bedingt frisch. Bohnenkaffee galt als Luxus.
Die Gäste können auch selbst ausprobieren, wie mühsam das Waschen der Wäsche einst war. Die Entdeckertour bietet zudem Einblicke in die Welt der Volksmärchen. Die Besucher können sich vorstellen, wie die Hexe im Backofen landete oder wie das Geißlein Nummer sieben in den Uhrkasten passte. Ofen und Uhr sind zu sehen, ebenso das Spinnrad, das in mehreren Märchen eine Rolle spielt.
Außerdem sind die Entdeckertouristen zu Führungen durch den Bauerngarten, eingeladen. Dort zog die Bauersfrau Blumen sowie Küchen- und Heilkräuter. Das Museum öffnet am Dienstag ab 10 Uhr. Ein weiteres Motto der stündlichen Führungen, die 10.30 Uhr beginnen, lautet „Wie Bauern bauten". Ferner erwartet die Besucher eine Ausstellung mit historischen Fahrzeugen und Feuerwehrtechnik.
Vom Bauernhof zum Museum
Als die Preußen im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) durch das Dörfchen Wyhra zogen, stand der Vierseitenhof schon, der heute das Volkskundemuseum beherbergt. Die erste Erwähnung des Gebäudekomplexes verweist auf einen gewissen Georg Fleming, der 1726 in die dort ansässige Bauernfamilie einheiratete.
Seine Nachkommen, die Familie Flemming, bewirtschafteten den Hof und seine Stallungen bis 1980. Dann erwarb die damalige Gemeinde Neukirchen-Wyhra das Anwesen, die es zunächst zu einem Jugendklub und zu einer Heimatstube machte. Im Oktober 1989 wurde auf Initiative des Rates des Kreises Borna das Bauernmuseum mit der Ausstellung „Vom Bauernkrieg zur LPG" eröffnet. Seit 1991 gibt es das Volkskundemuseum in seiner heutigen Form.